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Reisebericht über den Besuch des 30. Kastanienturniers in Berlin vom 28. April bis 2. Mai 2006

bzw. der Versuch zu rechtfertigen, warum man schon wieder mal 577 km einfache Fahrt – acht Stunden als reinkarnierte Ölsardine, eingesperrt in eine Blechschachtel – auf sich nimmt, sowie wertvollen Urlaub opfert, nur um ein paar Eisenkugeln durch den Regen zu werfen – nun ja, wenn man das mit Martina im Doublette darf, dann ist's ja nur noch halb so schlimm.

Ähnliches dachten sich vielleicht auch andere Reisende aus (alphabetisch) St. Pauli, München, Mechenhard, Lübeck, Kiel, Hamburg, Groß Gerau, Düren, Berlin (och jo), Baasblock (tja) und Aachen, ... an jemand aus Castrop-Rauxel können wir uns allerdings nicht erinnern. Wie so oft ein geographisch gelungener Mix der Mentalitäten, der für viel Wiedersehensfreude und Gesprächsstoff sorgte.

Bis man wieder an das Wetter dachte. Sehr feucht zeigte sich zumindest der Samstag, an dem 63 Mannschaften in Viererpoules um die Beteiligung am sonntäglichen A-Turnier wetteiferten. Wer sich erst am Sonntag zu erscheinen bequemte (die Teilnehmerschaft der W13 verdoppelte sich!), durfte sich noch ins B-Turnier einschreiben, so dass insgesamt weit über 80 Doubletten Boule auf höchstem Niveaus spielten oder es versuchten.

Ein nicht geringer Anteil der vielen Wessi-Berlinbesucher des Wochenendes ließ sich erstaunlicherweise am Samstag gar nicht auf dem Kastanienturnier blicken. Wir erklären uns das mit nur ungenügend gerührter Werbetrommel – eine, wie wir als W13 meinen, falsche Bescheidenheit, denn das Finale im Deutschen Fußball-Pokal kann ja wohl nicht vergleichbar anziehend gewesen sein!

Im Versuch eine Erklärung für dieses Ausbleiben der Massen zu finden, bildete sich spontan ein Analyseteam aus erfahrenen Spielern und Spielerinnen des Kastanien-Turniers, das dieses durch das Fernsehen übertragene Spektakel beim „Dicken Wirt” mitverfolgte – echt nur deshalb! Zwar hessisch unzufrieden mit dem glücklichen Sieg Süddeutschlands folgerten wir – zumindest wir von der W13 – in gewohnt professioneller Neutralität, dass es eigentlich doch nur an der unzureichenden Ausschilderung des Kastanienturniers gelegen haben kann, dass sich so viele Menschen, insbesondere auch unschuldige Kinder, ins Stadion verirrten. Die Spielanalyse überlassen wir der einschlägigen Fachpresse.

Am Sonntag gab es traditionell zunächst den alljährlichen Kastanien-Turnier-Brunch, für dessen ansprechende Beschreibung uns im Moment leider kein ausgewiesener Feinschmecker zur Seite steht – wer sonst könnte hierfür passende Worte finden? Uns W13ern bleibt die Frage, wie eine Startgebühr von drei Euro für beide Tage inklusive dieses gastronomischen Highlights verwirklicht sein kann? Hallo! Ich war doch schon auf anderen Turnieren! Sind die von der Kastanie jetzt vollkommen durchgeknallt oder ist dies endlich mal ein Licht im Dunkel der oft vollkommenen überteuerten Boule-Gastronomie? Wir sind zum ersten Mal für eine Verteuerung – und wenn es nur dazu dient, dass wir als W13-Osterturnier-Veranstalter kein schlechtes Gewissen bekommen!

Im Anschluss an den Brunch dann der übliche Turnierbetrieb wie man ihn halt so kennt. Zur Beschreibung haben andere mehr Fachkenntnis und Geduld als ich. Im A-Finale trafen Christian Hempel und Partner gegen weitere Berliner (Hempel zweiter nach 12:12!) ... es gab A-Dritte und A-Vierte ... auch das B-Turnier hatte Sieger ... es gab auch B-Dritte (W13-Wolly und Christian Penther) und Vierte ... und aufgemerkt!: Draisbach und Alex Lirsch bekamen einen Fairness-Sonderpreis, weil sie über den gesamten Turnierverlauf Ihren Gegnern ausnehmend viel Zeit zugestanden, sich physisch und mental oder sonst wie auf die Partie vorzubereiten. Man diskutiert noch, ob das alle Gegner auch wirklich so in Anspruch nehmen wollten ... Insgesamt haben wir als W13-Berichterstatter wohl doch etwas geschludert und verstanden uns darüber hinaus durchaus auch anderweitig zu beschäftigen.

Zudem hatten wir ja noch ein besonderes Boule-Schmankerl mit Darmstädter Beteiligung vor uns. Kurz nach der Datumswende war es dann endlich soweit: das erstmals ausgetragene „Kastanien-Nocturne” konnte beginnen. Leider hatten insgesamt nur wenige Spieler Interesse daran, dieses neue Glanzlicht im Berliner Turnierkalender wahrzunehmen, vielleicht lag es auch an der Werbetrommel (siehe oben). Christian Hempel zog es leider wohl vor, sich für das nächsttägige Turnier in Kreuzberg auszuschlafen.

Begeistert dabei waren eigentlich nur unser Wolly und Hartmut „Lampe” Ludat, so dass man an dieser Stelle auf die oft Geduld zehrende langwierige Berichterstattung bis zum Viertel-, Halb und endlich Finale verzichten kann.

Bei Wolly und Lampe ging es direkt zur Sache, gleich hinein ins Endspiel des vielleicht ja einmal bekanntesten Nocturnes in Deutschland und europäischen Anrainern. Wenigstens dem Publikum war die Besonderheit dieses Endspiels bewusst. Wie so oft teilten sich hier zwar nicht die Sympathien zu den Spielern, doch splitteten sich die Fans in zwei Lager. Lampe wurde unterstützt durch Claudio und Marianne, wohingegen Norbert versuchte, Wolly zu stärken. Hier hatten wohl die beiden Berliner Fans die schwierigere Aufgabe, da es für Lampe die erste Teilnahme an einem Finale war – und nun gleich an einem der potentiell größten Turniere Europas.

Damit hatte vielleicht am wenigsten Harry Lampe Ludat selbst gerechnet, dem noch vor Jahren durch Michael Schlesinger die Lizenz verweigert wurde! Alle Beteiligten bedauerten, dass Lampe seinem Namen zumindest in anderer Hinsicht keine Ehre machen konnte – das Spiel fand im Fastdunkel statt. Wenigstens der Wettergott hatte ein Einsehen und ermöglichte trockenen Humor der beteiligten Boulisten.

Lampe ging von Spielbeginn an sehr konzentriert zur Sache und hatte sich schon bald Punkt für Punkt einen komfortablen Vorsprung erlegt, als Wolly entdeckte, dass man auch im Dunkeln beim Schiessen eigene und mitunter sogar gegnerische Kugeln treffen kann. Norbert staunte nicht schlecht und fragt sich immer noch, welcher der Sinne Wollies dies ermöglichte. Eine Fledermaus in der Familie? Unwahrscheinlich. Jedenfalls konnte die Wilde Dreizehn aufschließen und es entstand eine spannende Partie ohne offensichtliche Vorteile einer Seite.

Vielleicht lag es am mikrogeographischen Gedächtnis des Lokalmatadors, dass seine Kugeln in den letzten beiden Aufnahmen auch im Dunkeln fast von alleine die graue Sau fanden. Jedenfalls bekam Wolly Gelegenheit seine Verlierqualitäten unter Beweis zu stellen. Der W13 Fanblock trug es mit Fassung, zumal Norbert schon ohne die beiden letzten Aufnahmen leicht fröstelte. Tja ihr Berliner, eigentlich ging der Sieg ja doch nach Hessen, denn Lampe kommt ja eigentlich aus Giessen. Fragt uns bitte nach der Revanche nicht, wo Wolly herkommt. Jedenfalls: Lampe – wir kommen wieder!!!

Abschließend noch einmal ein ausdrückliches Dankeschön an die Kastanien-Köchin, ihr Küchen-Team und allen anderen Kastanien, die geduldig (fast) jeden Wunsch erfüllten. Woher können die von den Augen ablesen? Für Unterbringung direkt im Kastanien-Haus danken wir Claudio und Marianne, für weitere Schlafplätze dem Kinderladen (vermittelt durch Gerald), Pucky und Maurice (dort schliefen die Kieler), Gerd und Jutta (das Lager der Dürener) usw. usw. usw., eben allen Gastgebern, die zu diesem gelungenen Wochenende beitrugen.

Das Lokal zur 'Kastanie' (Schlossstraße 22) bleibt auch für jeden kugellosen Berlin-Besuch zu empfehlen und ist zu Fuß in wenigen Minuten (z.B. nach einem Besuch des Charlottenburger Schlosses) zu erreichen (oder U2 zum Sophie Charlotte Platz). Hier gibt es immer (auch ohne Turnier) gutes Essen zu fairen Preisen (!) und genügend Platz, um als touristische Kleingruppe in Ruhe die nächsten Dummheiten auszuhecken. Kugelwerfen erlaubt!

In Erinnerung an die eingangs gestellte Frage nach dem eigenen Wahnsinn, diese Strapazen auf sich zu nehmen: IMMER GERNE WIEDER !!!

P.S.: Nicht vergessen zu danken wollen wir dem Hersteller unseres mobilen Navigationssystems, das uns durch einfühlsam gesprochene Kommentare bei Laune und Fahrtrichtung hielt (technische Fragen bitte an Lothar). Es ist schon hilfreich zu wissen, dass man erst „geradeaus und dann geradeaus” fahren soll. Ich glaube, ich wäre erst geradeaus gefahren. Jedenfalls: irgendwann wird das Kastanienturnier ganz sicher ausgeschildert sein!

Text: Norberto / Fotos: Ellen, Martina, Lothar

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